Ein Brunnen – drei Brunnen

28. August 2015

Es ist heiß in Berlin. Die Außentemperatur erreicht gelegentlich die Körperinnentemperatur gesunder Menschen: 37° C. Ein guter Zeitpunkt, um sich mit Brunnen zu befassen.

Viele Häuser der Linienstraße haben Durchfahrten, über die man die Hinterhöfe erreichen kann. Diese Höfe sind teils ungepflegt, manchmal locken sie mit hübschen Bepflanzungen, man stößt auch auf ganz moderne Gebäude, die erst kürzlich errichtet wurden. Oft findet man dort Kunstgalerien, die in umgebauten Werkstätten oder Lagerhallen ihre Ware anbieten. Zum Beispiel die Galerie Neugerriemschneider, und in ihrem Hof wartet sogar ein vor sich hin plätschernder Springbrunnen auf die Besucher.20150703-3009Aber es ist kein gewöhnlicher Brunnen! Drei verschiedene runde Brunneneinfassungen in verschiedener Höhe durchdringen sich und bilden eine ganze Anzahl von kleinen Becken. Und fast in der Mitte sind die Becken wie durchgeschnitten und versetzt wieder zusammengebaut. Ein verwirrender Anblick. Und das Wasser spritzt auch aus verschiedenen Rohren, mal senkrecht nach oben, mal im großen Bogen. Um es gleich zu sagen: Der Brunnen ist ein Kunstwerk, und wahrscheinlich kann man ihn in der Galerie kaufen. Dort erfährt man jedenfalls, dass er im Herbst, wenn sich die Hitze sowieso verzogen hat, wieder abgebaut wird. Dort lernt man aber auch, dass dieser Brunnen eine besondere intensive Verbindung zu Berlin besitzt, denn er imitiert in verkleinerter Form drei echte Brunnen, aus verschiedenen Zeiten, die weit entfernt voneinander über die Stadt verstreut sind. Es sind keine berühmten Brunnen, und wer die Entdeckungsfahrt hin zu den Vorbildern machen will, braucht durchaus Zeit.

Brunnen Nummer 1 ist steht in Marzahn in einem hübschen Grünzug am Rande einer Plattenbausiedlung.DSCN0258Man erkennt den Brunnenrand wieder, mit den türkisfarbenen Keramikplatten. Das Wasser spritzt nur im kleinen Bogen. In der Linienstraße konnte man allerdings nicht ahnen, dass hier außerdem noch vier Säulen stehen, mit Keramikreliefs ummantelt, in den verschiedensten Farben. Der Brunnen, 1984 errichtet, hat den irritierenden Namen „Tanz der Jugend“. Denken wir nicht weiter darüber nach, warum die Jugend beim Tanzen so stramm und unbewegt dasteht. An den Stelen gibt es zwar einige Bruchstellen, aber der Brunnen ist sonst intakt, beliebt, Kinder kommen heran, eher als Jugendliche, spielen am Wasser, ziehen weiter, und irgendwelche Gegenwartskünstler haben die Tanzenden mit etwas silberner Sprühfarbe modernisiert. Eine Hundebesitzerin führt ihre Kampfhunde aus, die gleich auf den Brunnenrand springen und alles beschnüffeln, aber in der nahen Bäckerei versicherte die Verkäuferin, die in der Siedlung aufgewachsen ist, hier sei alles in Ordnung, jeder kenne jeden, und man lebe wie in einem Dorf zusammen. Möge es so sein.

Nun aber zurück zur Haltestelle der Tram und weiter zum nächsten Brunnen!DSCN0261

Der Eva-Brunnen steht auf dem breiten, mit Bäumen und Büschen bestandenen Grünstreifen der Straße Alt-Tempelhof. Ein richtiger Park ist das nicht. Über den Rasen verlaufen Trampelpfade, von den Bürgern beim Überqueren der Straße ausgetreten. Und die Bank, die zum Verweilen einladen soll, wird wohl nachts von Obdachlosen als Bett benutzt, und unter dem „Bett“ liegen deren Abfälle.
DSCN0264Da hilft auch der witzige Spruch auf dem nahen Abfalleimer nichts: „Tempelhöflichst bitten wir um einen sauberen Kiez.“

Eva stört das nicht. Sie steht oben auf einer Bronzekugel und schaut den Wasserstrahlen nach.

Leider spritzen die Düsen gleich unter ihren Füßen nicht mehr, aber die unteren Strahlen plätschern wie in der Linienstraße im großen Bogen hinaus, und die Brunneneinfassung aus Sandstein ist auch klar wiederzuerkennen.DSCN0262

Eva mit ihrem Bubikopf ist hier so gar nicht die Verführerin, die den Sündenfall heraufbeschwört. Die Schlange und Adam sind weit weg, die junge Frau genießt einfach einen paradiesischen Tag. Zur Sicherheit weist der Bezirk noch darauf hin, dass hier kein Trinkwasser verströmt wird.DSCN0276Der letzte Brunnen steht im Tiergarten, zwischen Schloss Bellevue und dem Haus der Kulturen der Welt, auf einem halbkreisförmigen Rasenplatz, der von einer düsteren Hecke eingefasst wird. Vor der Hecke vier große Skulpturengruppen auf hohen Sockeln, die vier Ströme. Mitten auf dem Platz, unter einer riesigen, weit verzweigten Eiche, hält ein Triton einen großen Fisch fest umfangen, und aus dem Fischmaul spritzt das Wasser sehr kräftig heraus, senkrecht in die Höhe, und platscht auf seinem Weg nach unten dem jungen Fabelwesen mitten ins Gesicht.
DSCN0268Was will der Triton wohl mit dem Fisch? Wahrscheinlich nichts Schlimmes. Er umarmt ihn kräftig, aber fast liebevoll.

Zurück zur Linienstraße!20150703-3003Renata Lucas, die Schöpferin des Hinterhofbrunnens, hat sich schöne Brunnen ausgesucht für ihre verspielte Verfremdungsaktion. Sie hat uns auf eine Stadtrundfahrt geschickt zu drei Brunnen, die für das Vergnügen der Bürger geschaffen wurden, nicht zur Repräsentation wie der Neptunbrunnen oder zur Architekturabrundung wie der Wasserklops. Einer der Brunnen zeigt ein alttestamentarisches Motiv, ein anderer ein antikes Motiv, einer einfach gegenwärtige Lebensfreude. Alle drei Brunnen animieren zum Stehenbleiben, spenden Ruhe, und Beruhigung…20150703-3016…und, ja, natürlich: Kühlung!

 

Amerika im Tiergarten

2. Mai 2015

Der Flaneur war in Philadelphia. Dort gibt es ein riesiges Kunstmuseum, in dem alle Abteilungen geöffnet sind, und davor, am Anfang einer prächtigen Allee, die von dort ins Stadtzentrum führt, prangt auf einem großen runden Platz ein Denkmal für George Washington.DSCN0180Der General und Präsident sitzt hoch oben auf seinem Pferd. Am Sockel lagern sich vier Personen, aus vier verschiedenen Gegenden des von ihm befreiten und dann regierten Landes. Diese malerischen Indianer werden jeweils von zwei Tieren flankiert, Büffeln, Wapitihirschen, Elchen und Bären.

DSCN0181DSCN0182DSCN0183Und was hat das mit Berlin zu tun? Der Schöpfer dieses aufwändigen Ensembles war ein Berliner, Rudolf Siemering. Er hat auch hier viele Werke hinterlassen: Die heilige Gertraud auf der Gertraudenbrücke, das Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal im Tiergarten, wegen seiner eigenartigen Form oft respektlos als Musikerofen bezeichnet, und vieles mehr. Aber so etwas großes wie das Washington-Denkmal ist bei uns von ihm nicht zu sehen.

Die bereits erwähnten Tiere müssen jemandem so gut gefallen haben, dass man Nachgüsse für Berlin anfertigte, und so findet man heute noch im Tiergarten die dort scheinbar gar nicht hinpassenden Büffel, Wapitis und Elche. Die Büffel liegen je einzeln auf ihren Sockeln. Entspannt lassen sie die Hufe herabbaumeln.

DSCN0148Die Hirsche sitzen ebenso lässig im Rosengarten.

DSCN0151Die Elche sind leider nicht so gut über die Zeiten gekommen. Sie haben ihre Schaufeln eingebüßt und lagern nun neben der Gärtnerei etwas traurig auf dem Rasen.

DSCN0153Die Bären wurden nicht kopiert, und George Washington selbst, diesen Rebellen und Demokraten, den wollte man nun schon gar nicht in Berlin sehen.

Seitdem sind hundert Jahre vergangen. Inzwischen gibt es den Washingtonplatz vor dem neuen Hauptbahnhof. Selbst wenn dieser vielleicht nur nach der Stadt benannt ist: indirekt wird damit der Gründervater der USA geehrt. Wir müssen deshalb aufpassen: keinesfalls sollten die Tiere aus ihrem Park-Idyll entfernt und auf diesen nüchternen Platz versetzt werden, etwa neben den Taxiwartestand, oder die Bushaltestelle!

 

 

 

 

Vicenza an der Panke

2. Mai 2015

Pferde hatten früher auch eine militärische Bedeutung. Und so passt es in unser Bild vom alten Preußen, dass die Gesundheit der Pferde den Monarchen sehr am Herzen lag. Deshalb wurde Carl Gotthard Langhans, der Erbauer des Brandenburger Tores, eines Tages damit beauftragt, ein anatomisches Theater für Tiere zu errichten, um darin künftige Ross- und Viehärzte auszubilden. Langhans entwarf keinen einfachen Zweckbau, sondern spielte ausgiebig mit dem Repertoire der klassizistischen Architektur, schuf einen runden Saal mit ansteigenden Sitzreihen, mit Oberlicht und ausgemalter Kuppel, fast wie bei den Humanmedizinern, aber wegen des größeren Gewichts der Untersuchungsobjekte mit einer Hubvorrichtung ausgestattet, mittels derer man die im Keller vorbereiteten Tierkadaver in den Hörsaal auffahren lassen konnte.

DSCN0206An der Vorderseite des Gebäudes, zwischen zwei dorischen Säulen unter einem Dreiecksgiebel, betraten die Professoren das Gebäude, von hinten schlüpften die Studenten hinein, gleich über eine Treppe zu ihren Sitzen. Seitlich die Bibliothek und Büros, so dass das ganze Gebäude einen quadratischen Grundriss bekam.

DSCN0207In der kleinen Ausstellung zur Geschichte des Hauses wird vermutet, Langhans habe sich an der Villa Rotonda orientiert, die Palladio zwei Jahrhunderte früher in Vicenza errichtet hatte. Ein deutlich zu groß geratener Vergleich, aber immerhin: beide Gebäude besitzen Kuppeln und sind quadratisch.

Passend zum Zweck des Gebäudes sind außen über den Fenstern Stierschädel im antiken Stil angebracht, aber eigentlich wirkt das Gebäude bescheiden und schlicht.

DSCN0209

Wo sich dieses architektonische Kleinod befindet? Zufällig kommt man dort nicht vorbei. Man muss schon etwas suchen, um zwischen Friedrichstraße und Luisenstraße den kleinen Campus der Humboldt-Universität zu entdecken, mit verschiedensten Institutsgebäuden, meist Backsteinbauten aus der Zeit vor dem letzten Krieg, viel Grün, erstaunlich wenige geparkten Autos, und dazwischen fließt auch noch in vielen Windungen die Panke. Kinder spielen, Studenten schlendern von einem Gebäude zum anderen. Von der Luisenstraße aus geht man am besten durch den späteren Erweiterungsbau des tierärztlichen Instituts hindurch (heute der Humboldt Graduate School gehörig), von der Friedrichstrasse aus in die Claire-Waldoff-Straße hinein, die als Sackgasse endet, dann durch einen völlig unscheinbaren Eingang in den Institutspark. Und da findet man dann unsere Zootomie.

Obwohl die Einrichtung gegründet wurde, um Krankheiten abzuwehren, durch die „Schade für das Land und die Cavallerie“ entstehen könnte, muss doch eingeräumt werden, dass die Malereien in der Kuppel auch andere Tiere mit geringerer strategischer Bedeutung würdigen: Hunde, Schweine, Schafe, Ziegen, neben den Pferden und Rindern. Kranke Tiere waren damals wohl kein gängiges Thema der Kunst, und so musste der Maler für das Porträt einer kranken Kuh Neues schaffen. Bekommt man nicht sofort Mitleid mit dem armen Tier mit seiner heraushängenden Zunge?

DSCN0205Heute werden dort keine toten Tiere mehr seziert. Kleine Ausstellungen, hin und wieder ein Vortrag oder ein sogenanntes Event, das ist alles. Es riecht völlig appetitlich in dem Gebäude, in dem zeitweilig die Fleischbeschauer Preußens ausgebildet wurden, weshalb das Häuschen auch unter der Bezeichnung Trichinentempel bekannt war. Ob nun Tempel oder doch eher Villa – das möge jeder Besucher selbst entscheiden.

 

 

 

 

Reise nach Jerusalem

2. März 2015

Vor gut 25 Jahren wurde im Presseamt der DDR von Günter Schabowski die Reisefreiheit für alle DDR-Bürger verkündet. Das Pressezentrum der Bundesregierung liegt heute woanders, aber das Gebäude, in dem die historische Pressekonferenz stattfand, gibt es noch. Wenn man vom Gendarmenmarkt in die Mohrenstraße Richtung Hausvogteiplatz einbiegt, fallen einem zunächst die Mohrenkolonnaden auf, ein barockes Überbleibsel, das an den ersten Berliner Festungsgraben an dieser Stelle erinnert. Aber noch davor liegt rechts das besagte ehemalige Presseamt. Der frühere Eingang ist jetzt mit einer großen Glasscheibe verschlossen.DSCN0147Das Gebäude ist heute mit dem daneben liegenden Justizministerium verbunden (zur Zeit korrekt: „Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz“). Der Saal der Pressekonferenz wurde dabei auch umgebaut. Ins Ministerium kommt man nicht so leicht hinein. Hier ist also weiter nichts zu sehen, außer dass direkt hinter der Glasscheibe eine kleine Vortragsecke eingerichtet wurde.DSCN0144Eigentlich merkwürdig, dass sich Ministerialbeamte so in aller Öffentlichkeit wie in einem Schaufenster versammeln sollen, auch wenn die Mohrenstraße eine stille Straße ist, abseits der Fußgängerströme. Beim genaueren Hinschauen zeigt sich, dass der Boden unter den Stühlen geneigt ist. Und auf dem Bildschirm läuft auch kein Verherrlichungsvideo für Minister Heiko Maas, sondern Meereswellen branden einem entgegen. Gut, das könnte der Bildschirmschoner sein.DSCN0145Im Gang hinter der Vortragszone laufen immer mal Bedienstete des Ministeriums auf und ab, mit Akten unter dem Arm, schauen unbeteiligt zum einsamen Flaneur vor dem Schaufenster hinüber, entschwinden wieder. Zwischen den Stühlen und dem Fernseher eine Absperrkordel. Klar, Besucher des Ministeriums sollen sich dort nicht einfach niederlassen und ihre Laptops auspacken. Die Stühle sind so schön ordentlich aufgereiht für die nächste Belehrung!

Das Leben im Ministerium scheint doch rätselhafter zu sein, als man gemeinhin annimmt. Aber nun will man zurück zum Gendarmenmarkt. Doch halt! Rechts unten im „Schaufenster“ steht noch etwas. Doch nicht etwa wie im Zoo der Termin der nächsten Vortragsschau? Nein, jetzt klärt sich alles auf: Stühle, Schräge und Bildschirm bilden ein Kunstwerk (ob auch die Kordel wird nicht klar). Und das Kunstwerk, das sich ohne Erläuterung wohl niemandem erschlossen hätte, wird dort genauestens erklärt. Also, die Stühle seien ein Sinnbild der Ordnung. Gut, die saubere Aufstellung war dem Flaneur schon aufgefallen. Und die Ordnung kommt nun ins Kippen, heißt es weiter. Hm. Gegen den Betrachter fluten Wellen. Die seien ein Synonym für alles Mögliche, „aber auch für die bloße Sehnsucht nach Sinnlichkeit, Veränderung und Weite, Freiheit und Offenheit für Möglichkeiten im Gestalten einer neuen Zukunft, aber auch…“ (geht noch weiter).

Soso. Natürlich sollte man zur Erinnerung an den Anbruch der Reisefreiheit keine zerrissenen Ketten zeigen, oder zerschnittenen Stacheldraht, oder gar einen Trabi, der – boum! – die Mauer durchbricht. Aber dafür diese Installation, die erst durch den Beipackzettel preisgibt, dass sie etwas bedeuten soll?

Wie passend und hilfreich, dass der Künstler sich in Worten genauso gut ausdrücken kann wie in seinen künstlerischen Mitteln…

Wen nun die Sehnsucht nach Sinnlichkeit übermächtig ergreift: Das Kaffee Einstein an der Ecke zum Gendarmenmarkt ist nicht weit.

Street Photographers und Flaneure

2. März 2015

Das Willy-Brandt-Haus zeigt eine Auswahl der Fotos von Vivian Maier (1926-2009), erstmals in Deutschland. Vivian Maier, keineswegs eine professionelle Fotografin sondern von Beruf Kindermädchen, lief oft mit ihrer Rolleiflex durch New York und Chicago und fotografierte Szenen auf der Straße, auch einzelne Personen. Sie muss wie eine Jägerin ihre Kamera immer im Anschlag gehabt haben, und wenn der Augenblick da war – Schuss! Die Fotografierten bekamen oft nicht mit, was da passierte, denn die Rolleiflex hat einen Lichtschachtsucher. Man muss die Kamera nicht vor das Gesicht halten und durch den Sucher dem Gegenüber direkt ins Auge blicken. Die Unmittelbarkeit der Fotos aus dem Hinterhalt macht viel vom Reiz dieser Werke aus. Die Fotografin beobachtet, wartet auf das Unerwartete, und reagiert in Sekunden. Sie bleibt aber selbst unerkannt, tritt mit den von ihr Porträtierten nicht in Kontakt.

Darin gleicht sie dem Flaneur. Deshalb wird ihr hier gehuldigt. Bloß nicht inszenierend eingreifen – das war das Prinzip der Street Photographers. Man muss leider sagen: war, denn der inzwischen sehr hohe Stellenwert des Rechts am eigenen Bild würde Künstlern wie Vivian Maier heute keinen Raum mehr lassen.

Mit ihrer Rolleiflex hat sie sich oft in spiegelnden Scheiben selbst porträtiert.DSCN0159Zu ihren Lebzeiten hat sie kein einziges ihrer Fotos veröffentlicht. Aber sie hat eine Unzahl von Bildern und Negativen hinterlassen. Über 100 000. Erst als ein junger, geschichtsinteressierter Mann, John Maloof, auf einer Auktion aus dem Nachlass einen Karton mit ihren Fotos ersteigerte, begann die Erforschung ihres Werks und ihrer Biografie. Darüber hat John Maloof einen wunderbaren Dokumentarfilm gedreht, und Berlin wäre nicht Berlin, wenn dieser Film nicht gleichzeitig mit der Ausstellung in irgendeinem Filmtheater gezeigt würde. In der Tat: „Il Kino Bar Bistro“ in Neukölln spielt die Originalversion.DSCN0160Keine Angst, das Kino mit den vier Sprachen im Namen liegt zwar etwas versteckt in einem Szeneviertel, aber Sessel, Technik und Luftqualität sind tadellos.

Über die Rechte an Vivian Maiers Fotos wird streng gewacht. Es gibt kein Ausstellungsplakat, und deshalb hier auch nur ein Foto des Filmplakats mit einem der Spiegelfotos, durch eine Scheibe fotografiert, in der sich zusätzlich noch ein Neuköllner Kleintransporter spiegelt. Wenn das keine Street Photography ist!

Im Internet gibt es aber die Bilder unter www.vivianmeier.com zu sehen!

 

 

 

Mengen und Minuten

28. Februar 2015

Neben dem Europacenter, genauer gesagt am Hintereingang des Europacenters, prangt auf einem drei Meter hohen Mast eine bunte Laterne, die auf den ersten Blick wie eine extra komplizierte Verkehrsampel aussieht:

IMG_0103

 

Was ist das jetzt wieder? Ein Kunstwerk? Ein Denkmal? Eine Warnung? Eine Anzeige, welche Geschäfte im Center gerade geöffnet haben? – Ohne die Gebrauchsanweisung wird man nicht schlau daraus, obwohl: das runde Licht oben, das blinkt! Man kann es auf dem Foto nicht sehen, aber es blinkt etwa alle zwei Sekunden. Wenn man nicht gleich kopfschüttelnd weiter geht und stattdessen das Ding länger mustert, dann wird man Zeuge, wie sich die Beleuchtung auch im unteren Teil immer mal ändert. Niemand wird hier so lange verweilen, bis sich ihm das Rätsel entschleiert. Ein hilfreiches Blechschild verrät deshalb, worum es geht: Das Gebilde ist eine mit Hilfe der Mathematik konstruierte Uhr. Die Uhrzeit wird in einem willkürlich gewählten Zahlensystem dargestellt. Der Passant, der nur eben mal wissen möchte, was denn die Stunde geschlagen hat, soll zuvor ein bisschen rechnen. Oben bedeutet jedes beleuchtete Feld 5 Stunden, in der zweiten Reihe 1 Stunde, in der Reihe darunter 5 Minuten, und ganz unten 1 Minute. Also, wie viel Uhr ist es gerade? Zweimal 5 Stunden und zweimal 1 Stunde macht 12 Stunden, dann 8 mal 5 Minuten gibt 40 Minuten (ob gelb oder orange, das ist in dieser Zeile egal!), und noch drei Minuten dazu: geschafft, 12:43 Uhr!

Und was soll das? Dem Flaneur fallen sofort bedeutend anspruchsvollere Rechenuhren ein, mit denen man den Berlinbesuchern auf die Nerven gehen könnte. Warum nicht Lämpchen, bei denen man noch einen Bruch kürzen muss oder etwas mit Potenz oder Wurzel ausrechnen, bevor man auf 12:43 Uhr kommt?

Es gab vor vielen Jahren im Mathematikunterricht der Schulen eine Revolution, die Einführung der Mengenlehre. Eltern mussten auf Kurse gehen, damit sie ihren Kindern weiterhin die Hausaufgaben machen konnten. Die quadratische Gleichung x mal x = 4 hatte jetzt nämlich nicht mehr die beiden Lösungen +2 und -2, sondern „die Lösungsmenge enthielt die beiden Elemente +2 und -2“. Und wehe, wenn man das in der Mathematikarbeit nicht genau so hinschrieb, mit allerhand geschweiften Klammern und esoterischen Zeichen!

Unsere Uhr nun, so behauptet der Erfinder, ist die erste Uhr der Welt, die nach dem Prinzip der Mengenlehre funktioniert. Sie wurde sogar in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen.

Unsere Rekorduhr blinkt nun schon seit 1975 herum, zur ständigen Erinnerung daran, wie durch die Mengenlehre alles viel einfacher geworden ist. Oder etwa nicht? Bitte schauen Sie noch mal auf das Bild. Wie viel Uhr ist es da gerade? Nur auf das Bild schauen, nicht schummeln! Na?

Zeigen und Verbergen

28. Februar 2015

In Berlin sind im Augenblick ziemlich viele Museen ganz oder teilweise geschlossen. Nicht wegen Geldmangels, nein, sie werden umgebaut, renoviert, saniert, oder es tut sich gar nichts. Ja, das gibt es auch.

Die Berlinische Galerie informiert den herbei schlendernden Touristen mit einem rosafarbenen Punkt: „Temporarily closed“.DSCN0161Und man erfährt auch, wann und wie es wieder los geht (- glücklicherweise bald).

Anders das Pergamonmuseum. Es ist nicht geschlossen. Nicht ganz. Der Besucher, der sich dem alten Haupteingang nähert, merkt sofort: hier geht’s nicht weiter.DSCN0168 Baustelle. „Dienstausweise vorzeigen!“

Aber riesige rosafarbene Tücher mit Pfeilen weisen den Weg zum neuen provisorischen Eingang.

DSCN0165

Also über den Kupfergraben, ganz um das Neue Museum herum, dem Hintereingang zustreben. Gut, das nimmt man auf sich, aber jetzt, kurz vor dem Betreten des Gebäudes, anständigerweise noch vor der Kasse, teilt ein kleines Schild im rostigen Rahmen mit, dass der Pergamonaltar nicht zu sehen sein wird.

DSCN0166

Wer sich jetzt ahnungslos eine Eintrittskarte kauft, wird bald feststellen, dass noch viel mehr nicht zu sehen ist, aber dann ist es zu spät. Ein Pergamonmuseum ganz ohne Pergamon. Und wie die Informationstafel aufgestellt ist, das verdient ein eigenes Foto:

DSCN0167

Ein Meisterwerk moderner Ausstellungsarchitektur.

Aber es kommt noch schlimmer: Die Friedrichswerdersche Kirche soll eigentlich die klassizistische Berliner Skulptur zeigen: Schadow, Tieck, Rauch, Schinkel. Das Gebäude ist zur Zeit schwer von Baustellen bedrängt.

DSCN0163Ein Plakat an den Containern vor dem gotischen Portal verkündet, dass neben der Kirche die Kronprinzengärten errichtet werden. Zur Klarstellung: Es handelt sich um Wohnungen. Normalerweise enden die Namen von Immobilienprojekten in Berlin immer auf –palais,     z. B. Gendarmenpalais. Das ist nicht etwa ein Gesellschaftshaus für Berlins Polizisten, sondern auch eine Wohn- und Büroanlage. Kronprinzenpalais war schon vergeben, nicht an einen anderen Investor, nein, es gibt noch das echte ehemalige Palais für den echten ehemaligen Kronprinzen. Aber das nur am Rande! Die Kirche ist jedenfalls geschlossen. Es fiel wohl mal Putz von der Decke, die Kunstwerke wurden in Sicherheit gebracht, und seitdem hört man nichts mehr. Kein Schild, kein Hinweis, dass hier mal ein Museum war. Ist der Standort aufgegeben? Man könnte doch für den irritierten Reisenden zumindest ein kleines klärendes Schildchen spendieren. Textvorschlag: „Wir ham zu, dit sehn’se ja“. Dann weiß der Gast Berlins wenigstens, dass er hier nicht weiter herumzusuchen braucht.

Und die Neue Nationalgalerie ist auch geschlossen! Für viele Jahre. Sanierung. Die edle Halle im Erdgeschoss: leer, feierlich still. Und über die ganze Höhe der Eingangswand zwei Buchstaben: ZU. Daneben rechts und links, mit Überlegung auf die großen Scheiben platziert, die Erklärung: refurbishment.

DSCN0169

Also, der erste Preis für angemessene Kommunikation einer Museumsschließung geht an die Neue Nationalgalerie. Die Friedrichswerdersche Kirche ist disqualifiziert und wird nicht gerankt. Letzter Platz also: Pergamonmuseum mit seiner Verschleierungstaktik. Berlinische Galerie dazwischen.

Traurig ist es allemal, dass so vieles so lange nicht zu sehen ist. Vor allem die gleichzeitige Schließung von Neuer Nationalgalerie und Berlinischer Galerie verbirgt wichtige Kunstwerke des Aufbruchs in die Moderne und der Neuen Sachlichkeit. Das Brücke-Museum und die wenigen Gemälde im Märkischen Museum liegen zerstreut und sind auch kein Ersatz. In der neuen Modeausstellung des Kunstgewebemuseums hängt ein Druck von „Sonja“, einem Gemälde von Christian Schad. Das Original: magaziniert, und zwar für lange. Hätte sich nicht irgendwo ein Provisorium schaffen lassen, um die allerbesten Stücke der geschlossenen Museen zeigen zu können? So wie die Centrale Montemartini im Süden Roms, das berühmte seinerzeitige Ausweichquartier für die Kapitolinischen Museen? Nein, alles ist weggepackt.

Zeigen und verbergen, das ist ein wichtiger Aspekt aller erotischen Kunst. Vielleicht liegt ja ein ganz großartiges ästhetisches Konzept unter dieser Versteckstrategie? Wir werden auf unser Erinnerungsvermögen zurückgeworfen, um dann später die Originale neu und intensiver genießen zu können? Negation der Ostentation? Retardierung der Hypostase?

Vielleicht auch nicht.